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Was Chöre zusammenhält

Warum singen Menschen im Chor? Markus Grimm erörtert, wie gemeinsames Singen verbindet und aus vielen Stimmen Musik, Gemeinschaft und Freude entstehen.
7/23/2026 | Lesezeit: 5 Min. | von: Markus Grimm
Was Chöre zusammenhält

Menschen aller Couleur im Chor

Rechts hinten sitze ich im Tenor und versuche mal wieder, Höhe zu gewinnen. Meine Tenorkollegen, die in ihrem Leben schon alles gesungen haben, steigen mühelos zum hohen A. Bei mir hingegen kratzt die Kehle, und ich singe immer verschämter, je höher es geht, damit ich nicht auffalle. Ich falle trotzdem auf. Mein Sitznachbar nimmt mich nachher beiseite: »Von oben auf den Ton runtersingen, nicht von unten raufquetschen!« – »Ah, so, klar, danke!«

Das ist Jahrzehnte her. Ungefähr genau so lange singt meine Frau im Würzburger Bachchor. Meine Kinder waren im Domchor. Auf dem Dorf, wo ich lebe, und auf den Dörfern der Gegend gibt es Kirchenchöre und Gesangvereine und Liedertafeln, die alles mögliche singen, vom Volkslied bis zum Choral. Auch Kneipenchöre gibt es. Manche Menschen singen ihr Leben lang im Chor. Und manche Chöre erleben Generationen von Sängern.

Warum ist das so? Was bringt Menschen dazu, jeden Dienstag- oder Mittwochabend zur Probe zu gehen, jahraus, jahrein? Was wirkt so dauerhaft, dass Chöre ihre Menschen oft sogar überleben?

Chorsänger haben so gut wie nie einen materiellen Gewinn von ihrem Einsatz. Sie singen offenbar aus anderen Gründen: aufgrund von Freundschaften, aus Gewohnheit, aus Pflichtgefühl... Aber wenn man sich’s genau überlegt: viele Chorsänger sind nicht wirklich befreundet, sie sitzen nur nebeneinander. Links von mir könnte ein Bankkaufmann sitzen, rechts ein Winzer, vor mir eine Ärztin, ich weiß es nicht, es scheint auch keine besondere Rolle zu spielen. Zweitens sind lange Proben, gerade vor Auftritten, kein reines Vergnügen. Verpflichtungen sind grundsätzlich nicht das, was man gern eingeht. Das muss aber sein. Man kann nicht einfach fehlen, sonst bleiben nur Mangelsänger übrig, wie ich selber einer war.

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Musik aus vielen einzelnen Stimmen

Was hält also einen Chor zusammen?

Es muss wohl die Musik selber sein. Aber was genau heißt das? Musik kann man auch einfacher haben. Es ist nicht zwingend nötig, sich an verregneten Novemberabenden zu Proben zu schleppen, um sich und seine Mitsänger mit einem hohen A zu quälen. Musik ist allgegenwärtig, jede Art von Musik, jederzeit, in jeder Form, online, im Radio, auf CD, auf Vinyl.

Aber Musik hören und Musik machen sind offenbar zweierlei. Musik machen erfordert Einsatz, Mut, Übung. Und das gilt nicht nur für das Spiel eines Instrumentes, sondern in einer ganz eigentümlichen Weise auch fürs Singen mit der eigenen Stimme.

Es ist etwas Merkwürdiges um die eigene Stimme, so kommt mir vor. Wer kennt das nicht: wenn man sich auf einer Tonaufnahme hört, erschrickt man manchmal. Um Gottes willen, klinge ich etwa so? Ja, genau so! Und ich weiß fortan, dass ich mit dieser so fremdartigen Stimme für alle hörbar bin. Das kann ein Gefühl von Nacktheit auslösen. Und ist es nicht so, dass ein Mensch viel von sich preisgibt, wenn er den Mund auftut? Und nun schon gar singend, wo die Stimme auch noch gezielt eingesetzt werden muss?

Die Stimme ist mein ganz individueller, ureigenster Besitz; mein Ausdrucksmedium Nummer eins, das ich nicht wechseln kann. Ich kann es nur unterschiedlich einsetzen: zu Schönem oder weniger Schönem. Zum Singen oder zum Schimpfen.

Ich sitze rechts hinten im Tenor und vereine meine Stimme mit den Stimmen meiner Nebensänger, die vielleicht Winzer sind oder was ganz anderes. Und aus den Einzelstimmen wird plötzlich ein einziger Ton, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Und noch mehr: der Ton schließt sich mit anderen Tönen aus Sopran, Alt, Bass zu einem Klang zusammen, zu einer hörbaren Bewegung, die mich anfacht und mitnimmt und die kein einzelner Mensch hervorbringen kann. Etwas Neues entsteht, jetzt gerade, über allen Köpfen schwebt es, aus allen Kehlen strömt es, es hüllt mich ein, und das ist der Augenblick, in dem die wahre Musik beginnt. Das ist das reine Vergnügen.

Ein besonderes Miteinander im Chor

Zugegeben, manchmal misslingt es. Dann winkt der Chorleiter ab und lächelt mit freundlichem Bedauern: »Da war schon viel Schönes dabei. Bitte mal der Tenor einzeln!« Nun gut, warum nicht? Das ist der Preis der Musik.

Wenn ich im Chor singe, stelle ich meine Stimme allen anderen zur Verfügung. Ich stelle meine Stimme der entstehenden Musik zur Verfügung. Ein Chor ist ein Orchester aus nichts als Menschenstimmen. Jede Stimme zählt. Und weil meine Stimme mir so nahe ist wie sonst fast nichts, kann ich mich nicht verstecken. Ich mache mich sichtbar, hörbar, auch angreifbar. Aber ich denke an die Freude, die sich entfaltet, wenn die Musik zu leben beginnt. Also tue ich den Mund auf und gebe, was ich habe. Um die Musik geht es. Um ihr Schönwerden. Ums Weiterschenken von Freude.

Das gemeinsame Gestalten eines bewegten Klanges verbindet Menschen jenseits von Meinung und Bankkonto. Sie singen zusammen dieselben Stücke, arbeiten gemeinsam an schwierigen Einsätzen, folgen Händen und Mimik desselben Chorleiters, teilen die Nervosität vor dem Auftritt und schwitzen an der immer noch heiklen Stelle, wo plötzlich die Taktart umspringt. Diese Verbindung kommt mir viel persönlicher vor als etwa Übereinstimmung in Meinungsfragen.

Chor bedeutet Miteinander. Aber es ist schon ein besonderes Miteinander, das hier herrscht: kein beliebiges, kein thematisches, sondern ein gesammeltes, gestaltendes. Aus ihm entsteht etwas, das auf keine andere Weise entstehen kann als durch Sangesmut und Sangesfreude vieler einzelner Menschen. Und das nicht ganz so hohe A von hinten rechts ist am Ende fast gar nicht mehr schlimm. Es darf auch sein.

Chor im Stretta Journal

Markus Grimm

Markus Grimm

Jahrgang 1967, Schriftsteller, Schauspieler, promovierter Theologe. Lebens- und Arbeitsort ist der Flurersturm, ein alter Wehrturm an der Ortsmauer von Sommerhausen am Main.

Seit über zwanzig Jahren entwickelt Markus Grimm verschiedene solistische Literatur- und Publikumsveranstaltungen von großer Reduktion, ohne Requisiten und Kostüme. Im Mittelpunkt stehen Sprache, Vorstellung und Präsenz.

Auch in den Romanen geht es nicht um literarische Effekte, sondern um genaue Beobachtung, Atmosphäre und inneres Mitgehen. Im Mittelpunkt stehen Menschen, ihre Herkunft, ihre Milieus, was sie hoffen und worin sie scheitern. In ihren Beiläufigkeiten sind sie oft am meisten anwesend: in einer minimalen Geste, einer Unsicherheit. Sprache kann solche Momente sichtbar machen, ohne sie zu erklären oder aufzulösen.

Markus Grimm erhielt den Kulturförderpreis der Stadt Würzburg, den Sprachbewahrerpreis und ist „Sommerhäuser Stadtschreiber“.

Vito von Eichborn hat über ihn geschrieben: „Endlich ein Autor, der rundherum grandios schreiben kann. (Schreiber gibt's viele.)“