Große Chorwerke mit reduzierter Orchesterbesetzung

Wie werden die großbesetzten Meisterwerke der Chorliteratur auch für kleinere Chöre aufführbar? Diese Frage stellt sich nicht nur seit der Corona-Pandemie – sie kann schlichtweg auch finanzielle Gründe haben. Der Carus-Verlag erweitert regelmäßig seine Reihe mit Chorwerken in reduzierter Orchesterbesetzung um einige Neuerscheinungen. Grund genug für das Stretta Journal, einen näheren Blick auf diese Ausgaben zu werfen und Dir einige im Detail vorzustellen.
Die Idee vom unantastbaren musikalischen Meisterwerk entwickelte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war es der Normalfall, Werke umzuarbeiten und an die Gegebenheiten der jeweiligen Aufführung anzupassen. Der Carus-Verlag greift diesen pragmatischen Umgang mit Musik auf und bietet eine Reihe berühmter Chorwerke in Bearbeitungen mit reduzierter Orchesterbesetzung an. Nicht nur werden großbesetzte Werke so auch für kleinere Chöre und mit geringerem Kostenaufwand realisierbar – die neuen Fassungen tauchen die altbekannten Werke auch in ein oft erfrischend neues Klanggewand.
Verschiedene Formen der Bearbeitung
Der Umfang der Eingriffe ins Original reicht von einer lediglich leicht reduzierten Zahl der Bläser (Joseph Haydn:
Die Schöpfung), über Kammerorchesterbesetzungen (Johannes Brahms:
Schicksalsliedund
Ein deutsches Requiem, Antonín Dvořák:
Stabat Mater) bis hin zu wirklich substanziellen Umarbeitungen: Während Anton Bruckners
Te Deummit Blechbläserquintett und Orgel noch die Wucht der Originalfassung ahnen lässt, bietet Dvořáks
Messe in Dmit Holzbläserquintett ein sehr kammermusikalisches Klangbild.
Am weitesten vom Original entfernt sich die phantasievolle Bearbeitung von Giuseppe Verdis
Messa da Requiemfür lediglich fünf Musiker: Horn, Kontrabass, Klavier, Marimba und Pauken. Die für dieses Werk so charakteristischen ‚Schicksalsschläge‘ der Großen Trommel dürfen freilich auch in dieser Fassung nicht fehlen.
Auch weniger oder kaum bekannte Werke liegen in Bearbeitungen vor und finden so vielleicht ihren Weg ins Repertoire: Gioachino Rossinis
Stabat Mater, Charles Gounods
Requiemoder Giacomo Puccinis
Messa di Gloria.
Ausgewählte Highlights
Ludwig van Beethovens
Missa solemnisist eines der Hauptwerke der Gattung und stellt höchste Ansprüche an alle Ausführenden. Die Fassung von Joachim Linckelmann reduziert die von Beethoven ursprünglich vorgesehenen 18 Bläser auf sieben. Das ermöglicht, auch die Anzahl der Streicher und die Chorstärke zu verringern. Auch in dieser schlankeren Instrumentierung verliert die Missa solemnis nichts von ihren sinfonischen Dimensionen.
Felix Mendelssohn Bartholdys
Der 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“, eine der beliebtesten Psalmvertonungen der Romantik, wurde von Jan-Benjamin Homolka bearbeitet. Auch er halbiert die Anzahl der Bläser und verzichtet, abgesehen von einem Horn, auf die Blechbläser. So verliert der Chor zwar die Unterstützung durch die Posaunen, aber der Gesamtklang gewinnt an Transparenz. Außerdem bleiben die für den romantischen Klang so wichtigen Holzbläserfarben erhalten.
Außerhalb Frankreichs kaum bekannt ist die Vokalmusik von Camille Saint-Saëns. Seine
Messe de Requiemist außerdem im Orchester so opulent besetzt – vierfache Holzbläser und vier Harfen –, dass sie kaum aufgeführt wird. Deshalb beinhaltet schon die Ausgabe der
Originalfassungim Carus-Verlag die Möglichkeit einer Aufführung mit weniger Bläsern. Klaus Rothaupt legt nun eine Fassung in einem radikal anderen, aber dennoch sehr ‚französischen‘ Klanggewand vor: eine Bearbeitung für Streichorchester mit Harfe und Orgel.
Bei allen Neubearbeitungen können die Klavierauszüge und Chorpartituren, teils auch die Streicherstimmen der Originalfassung verwendet werden. Im Stretta-Shop findest Du zu den Werken wie gewohnt Klangbeispiele und Probepartituren.
Neu seit August 2024 ist
Te Deumvon Antonín Dvorák.
Hier findest Du eine Tabelle vom Carus-Verlag über den Vergleich der Originalbesetzung mit ihren ‚kleineren‘ Bearbeitungen: Besetzungen im Original und in den Arrangements
Und hier haben wir Dir nochmal alle bisher erschienenen Bearbeitungen – nach Gattungen sortiert – zusammengestellt:
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Im Stretta Journal
Holger Slowik
Holger Slowik studierte Musikwissenschaft in Würzburg. Er war künstlerischer Leiter der Würzburger Konzertreihe „Klangkarteikonzerte“ und betreute als Gastdramaturg die „Nachklänge im Echoraum“ beim Mozartfest Würzburg. Er ist Autor von Programmheftbeiträgen, Booklet-Texten und freier Mitarbeiter verschiedener Musikverlage und Rundfunkanstalten. 2017 bis 2022 war er Mitarbeiter von Stretta Music.






















