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Die Klavierstücke von Barbara Arens„So romantisch, so tragisch, so fröhlich, so düster“

Komponistin Barbara Arens erzählt in ihren Werken fantasievolle Geschichten. Holger Slowik wirft einen genaueren Blick auf Barbara Arens’ Werke für Klavier.
1/19/2026 | Lesezeit: 8 Min. | von: Holger Slowik
„So romantisch, so tragisch, so fröhlich, so düster“

In ihren Werken erzählt die Komponistin und Klavierpädagogin Barbara Arens kleine und große Geschichten, zeichnet Gefühle nach und malt eindrucksvolle Bilder – alles im Medium der Musik. Dabei bezieht sie mit viel Kreativität und Witz die Interpreten ihrer Musik mit ein. Im Stretta Journal wirft Holger Slowik einen genaueren Blick auf Barbara Arens’ Werke für Klavier und entdeckt, wie tief ihre multimediale Herangehensweise in der musikalischen Romantik wurzelt.

Es ist eines der alltäglichsten und vielseitigsten Wörter der deutschen Sprache: das Stück. Im Allgemeinen bezeichnet das ‚Stück‘ ein einzeln greifbares Teil einer größeren Menge. In seiner häufigsten Verwendung als Mengenangabe kommt das ‚Stück‘ selbst nur in der Einzahl vor, was zu den Kuriositäten der deutschen Sprache gehört, die einem als Muttersprachler kaum bewusst sind: ein Stück Kuchen und fünf Stück (nicht Stücke) Zucker zum Kaffee. In der Handwerkskunst gibt es das Gesellen- und Meisterstück, das man ein Leben lang in Ehren hält. Etwas ambivalenter verhält es sich mit dem Kunststück, das in gefährliche Nähe zur Dressurnummer oder Gaukelei gerät – ein Kunststück macht auf jeden Fall noch kein Kunstwerk. Denn ein Kunstwerk ist kein Stückwerk!

Vor 200 Jahren machte ein ganz besonderes ‚Stück‘ eine erstaunliche Karriere: das Klavierstück. Mit dem Tod Beethovens und Schuberts 1827 bzw. 1828, so stellt es sich im Rückblick dar, traten die großen, mehrteiligen Gattungen der Klaviermusik – die Sonate und die Variation – in den Hintergrund und es öffnete sich die weite Welt des scheinbar so kleinen Klavierstücks. Vor allem Robert Schumann betätigte sich hierbei als Türöffner, nahm sich die literarische Welt der Romantik zum Vorbild und bediente sich in seiner Musik aus der Literatur übernommener Verfahren. Seine

„Davidsbündlertänze“ op. 6

tragen den Untertitel „Charakterstücke“, und ihnen ist sowohl ein dichterisches als auch ein musikalisches Motto vorangestellt. Seine

„Papillons“ op. 2

entwickelt er aus dem wilden Treiben des Maskenballs, der am Ende des Romans

„Flegeljahre“ von Jean Paul

gefeiert wird.

In den

„Kreisleriana“ op. 16

schließlich beschwört Schumann die fiktive Figur des exzentrischen Kapellmeisters Johannes Kreisler herauf, die E.T.A. Hoffmann – neben Jean Paul der zweite romantische Autor, dem Schumann hemmungslos verfallen war – geschaffen hat und in der Schumann sein Alter Ego sah. Mit den in seine

„Fantasiestücke in Callot’s Manier“

eingebetteten Texten über den Kapellmeister Kreisler treibt Hoffmann das den Leser bewusst verwirrende, in der Romantik äußerst beliebte Spiel mit der mehrfach verschachtelten Autorschaft auf die Spitze. Der Untertitel „Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten“ verschleiert den Urheber: Nicht er, Hoffmann, habe diese Seiten geschrieben; sie wurden ihm zugeweht, zugetragen von Dritten, aufgestöbert auf Dachböden, Notizen auf der Rückseite von zurückgelassenen Notenblättern. Stückwerk also, eine heterogene Sammlung von Erzählungen, die doch irgendwie ein Ganzes formen. Aber so weit vom in sich geschlossenen Roman entfernt, wie eine Sammlung von Klavierstücken, zusammengefasst unter einem programmatischen Titel, von einer auf rein musikalisch-logischem Zusammenhang gegründeten Klaviersonate entfernt ist.

Jacques Callot, Burlesker Geigenspieler (Joueur de violon), 1616Jacques Callot, Burlesker Geigenspieler (Joueur de violon), 1616

Barbara Arens und ihre „Challenges“

Klavierspielerinnen und Klavierspielern mit einem – modern gesprochen – Hang zur Fantasy, die an den Ansprüchen von Schumanns großen Klavierwerken scheitern und die sich an den „Kinderszenen“ und dem „Album für die Jugend“ satt gespielt haben, seien hier die Werke einer Komponistin vorgestellt, die ebenso lustvoll wie die Romantiker doppelte Böden unter ihre Klavierstücke einzieht und sich von außermusikalischen Ideen inspirieren lässt: Barbara Arens.

Als erfahrene Klavierlehrerin weiß die in Dettelbach bei Würzburg lebende Komponistin, Pianistin, Cembalistin und Organistin genau, wie man Klavierschüler im Teenageralter, nachdem sie die ersten Bände der Klavierschule absolviert haben, weiterhin für die Tasten begeistert – oder wie man Wieder- und Quereinsteiger lockt: In moderner Weise führt sie die Tradition des romantischen poetischen Klavierstücks weiter und spitzt dessen oftmals verrätselnden Ansatz auf kreative und spielerische Art sogar noch zu.

In ihrer Sammlung

„Semplice. 12 piano pieces without titles“

werden die Interpreten aufgefordert, den Stücken selbst einen Titel zu geben. Die Musik beschreibt etwas – aber was? In

„Die Meerjungfrau Challenge“

hat sie zwölf Stücke versammelt, „die Mithilfe brauchen“. Laut oder leise, hoch oder tief, Dur oder Moll – diese Entscheidungen bleiben dem Interpreten überlassen, der damit in den kreativen Prozess mit einbezogen wird, und dieselbe Musik beim nächsten Mal ganz anders spielen kann. Aber ist es dann noch dieselbe Musik? In ihrer

„Vampir Challenge“

spielt die Komponistin augenzwinkernd mit der romantischen Autorfiktion à la Schumann/Hoffmann/Kreisler und baut um die Klavierstücke eine dramatische Rahmenhandlung: Graf Dracula hat sich unsanft eingemischt, die Komponistin gefangen gesetzt und anscheinend selbst Gefallen am Komponieren gefunden. Manche Leerstelle muss allerdings noch vom Ausführenden improvisierend gefüllt werden, der sich damit als dritter Autor ins Spiel bringen darf. Wer ist hier jetzt eigentlich der Komponist?

Heitere und düstere Nachtstücke: „Rendezvous with Midnight“

In ihrer Sammlung „Rendezvous with Midnight“ huldigt Barbara Arens der berühmtesten Gattung des lyrischen Klavierstücks: dem Nocturne

Mottoartig ist jedem der zwölf Stücke ein Gedichtausschnitt vorangestellt. Im ersten Stück, „Moonbeams“, wird das Lächeln des Mondes, das in Worten von William Blake beschrieben wird, musikalisch in Form einer sanften Idylle nachgezeichnet. In Nr. 2 treffen sich zwei zum nächtlichen Rendezvous: Auch wenn der Himmel bedeckt ist, das Leuchten in den Augen der Geliebten strahlt hell genug. Im wiegenden Mittelteil klingt – im identischen rhythmischen Modell –

Schumanns Stück „Von fremden Ländern und Menschen“

an. Oder höre nur ich das so?

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In Nr. 7 träumt eine venezianische Gondel, das Wasser selbst beginne zu singen: „Dreaming of a Gondola“ ist eine stille Serenade, ein Lied ohne Worte in der Tradition Mendelssohns. Auch in Nr. 8 wird geträumt, von den still und glänzend daliegenden Wellen und den eingeschlafenen Winden. Das Stück mit seiner wiegenden Achtelbegleitung im Dreierrhythmus erinnert an die

Nocturnes von John Field

(etwa Nr. 11 in Es-Dur), dem „Erfinder“ dieser Gattung.

Doch die Nacht kann auch anders: Sie wird quälend lang, leidet man unter Schlaflosigkeit (Nr. 11); sie schließt einen ein in das Gefängnis der eigenen Gedanken, wie es Nr. 9, auf ein eigenes Gedicht der Komponistin, mit rhythmischem Ostinato zum Ausdruck bringt; sie kann bedrohlich und düster sein wie in Nr. 3 oder grell von künstlichem Licht erhellt und lärmend von Verkehr und Sirenen wie in Nr. 5, dem wiederum ein von der Komponistin selbst verfasstes Gedicht vorangestellt ist. Aber Keats schreibe doch, so zitiert die Autorin den englischen Dichter, die Nacht sei sanft: „And Keats writes: ‚Tender is the Night‘“. Damit wirft Barbara Arens ein lyrisches Netz über ihre Sammlung von Nocturnes, das sich bis zum zwölften und letzten spannt, wo John Keats selbst mit seiner berühmten „Ode to a Nightingale“ – und damit die nächtliche romantische Todessehnsucht zu Wort kommt:

„Now more than ever seems it rich to die. To cease upon the midnight with no pain.“ („So scheint mir Sterben jetzt besonders schön. Ach, schmerzlos mich zu lösen in die Nacht.“)

Doch diese Sammlung von Nocturnes wäre nicht von Barbara Arens, bekäme man nicht noch eine Zugabe – nein, kein 13. Stück, sondern ein Stück Nr. 12 + 1: der Sonnenaufgang, rhythmisch und beschwingt, aber dennoch von hymnischem Glanz, erlöst von den Qualen der Nacht und beendet ihren Zauber.

Eine musikalische Reise um die Welt: „Compass“ für Klavier

Im „Compass“ für Klavier, der in der Edition Stretta als gedruckte Ausgabe und als Download erschienen ist, greift Barbara Arens ein weiteres romantisches Genre auf: die musikalischen Reisebilder. Für die Virtuosen des 19. Jahrhunderts war das Flair des Weitgereistseins unverzichtbarer Bestandteil ihres Image, das sie mit oft selbstkomponierten Stücken, die „von fremden Ländern und Menschen“ handeln, in ihre Programme aufnahmen. Literarisches Vorbild waren Bücher wie die

„Briefe eines Reisenden“ von George Sand

(„Lettres d’un voyageur“). Franz Liszt, Inbegriff des reisenden Künstlers, hob das Genre mit den zwei Bänden der „Années de pèlerinage“ (in der Erstfassung „Album d’un voyageur“) auf ein neues Niveau.

Auch Barbara Arens ist eine weitgereiste Künstlerin mit Stationen in Beirut, Dallas, San Francisco, Singapur, Salzburg, London und München. In ihrem „Compass“ unternimmt sie in „4 x 3 stimmungsvollen Klavierstücken aus dem Westen, Süden, Norden & Osten“ eine musikalische Reise um die Welt. Für jede Himmelsrichtung werden drei Stücke zu einem „Triptychon“ zusammengestellt, so dass sich jeweils eine dreisätzige Großform ergibt, mit langsamem Mittelstück und furiosem Finale. So wird aus mehreren Stücken ein kleines abwechslungsreiches Vortragswerk für den nächsten Klassenabend. Jedem Triptychon ist nicht nur eine kurze Erläuterung der einzelnen Stücke vorangestellt, sondern auch eine Abbildung, die die Atmosphäre des jeweiligen Teils heraufbeschwören soll.

Der „Westen“ fokussiert unter dem Titel „Legends of the Western Isles“ auf Legenden und Erzählungen der schottischen Äußeren Hebriden. Die „Rhythms of the South“ kombinieren drei südamerikanische Tänze. In „Snows of the North“ werden zwei Aspekte des ewigen Winters im eisigen Norden Finnlands und Russlands thematisiert: die Einsamkeit und die Geselligkeit. Zeigt die Kompassnadel gen Osten, „Flowers of the East“, wird die Blumenpracht Japans, Chinas und Koreas beschworen.

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Ein paar Beispiele seien herausgegriffen: Das Triptychon „Legends of the Western Isles“ faltet sein Thema dreifach auf. Im ersten Stück, „Dangerous Waters“, kombiniert die Komponistin zwei Volkslieder, um eine eigenartige und einzigartige Atmosphäre aus Glück und Leid in einem zu schaffen. Wie der Erläuterung zu diesem Stück zu entnehmen ist, gab es auf der Isle of Skye die Tradition, dass die Bräute der Fischer bei ihrer Hochzeit Schwarz trugen, in der Vorahnung, dass sie bald verwitwet sein würden. Dem eher düsteren und bedrohlichen ersten Teil kontrastiert der verhalten-fröhliche Mittelteil. Eine richtige Feierstimmung will bei dieser Hochzeit nicht aufkommen. Im zweiten Stück beschwört die Komponistin die dunkel-mystische Empfindung herauf, allein in einem prähistorischen Steinkreis zu stehen. Nach dieser einsamen, aber dennoch erhabenen Szene wird man im dritten Stück schließlich Zeuge eines ziemlich rauen, durch rhythmisch markante Musik nachgezeichneten Festgelages in Dunscaith Castle. Dass von dieser stolzen Burg heute nur noch eine Ruine übrig ist, rundet die romantische Szenerie ab.

Ebenso in der Romantik wurzelt der Umgang von Barbara Arens mit Volksliedern, die vielen der im „Compass“ versammelten Stücke zugrunde liegen: Sie hat, vor allem für die „nördlichen“ und die „östlichen” Stücke, zahlreiche Volksliedsammlungen aus dem 19. Jahrhundert durchforstet, um sich inspirieren zu lassen.

Volksmusikalische Vorlagen für „Snow in the Dark“ (finnisches Volkslied), NotenVolksmusikalische Vorlagen für „Snow in the Dark“

Dazu kam, als weitere Inspirationsquelle, Youtube! Vor allem die pop- und rockmusikalischen Anteile ihrer Musik verdanken sich solchen Recherchen, am eindrücklichsten im „Bellflower Song“ aus den „Flowers of the East“ – in astreinem K-Pop-Style.

Das letzte Stück dieses Triptychons – und damit der Abschluss der ganzen Sammlung – ist in Variationen gestaltet. Die einfache Melodie der „Fragrant Flower“ wird als charmanter Walzer, als swingender Boogie, als cooler Blues und abschließend im Retro-Disco-Style präsentiert.

Mit ihrem „Compass“ ist Barbara Arens eine Sammlung von „Charakterstücken“ im besten Sinne der Romantik gelungen. Ihr im Vorwort bezeichnetes Ziel, „Bilder, Stimmungen und Farben weit entfernter Orte heraufzubeschwören“ wird auf sehr abwechslungsreiche und inspirierende Weise erreicht. Die Komponistin schreibt: „So romantisch, so tragisch, so fröhlich, so düster habe ich noch nie komponiert.“ Klavierschüler und -schülerinnen, genauso wie erwachsene Liebhaberpianistinnen und -pianisten, werden große Freude an dieser – und aller – Musik von Barbara Arens haben und spielerisch in nahe und ferne – aber immer romantische – Welten eintauchen.

Hier findest Du alle Noten von Barbara Arens.

Nur bei Stretta: „Compass“

4x3 stimmungsvolle Klavierstücke aus dem Westen, Süden, Norden & Osten

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Holger Slowik

Holger Slowik studierte Musikwissenschaft in Würzburg. Er war künstlerischer Leiter der Würzburger Konzertreihe „Klangkarteikonzerte“ und betreute als Gastdramaturg die „Nachklänge im Echoraum“ beim Mozartfest Würzburg. Er ist Autor von Programmheftbeiträgen, Booklet-Texten und freier Mitarbeiter verschiedener Musikverlage und Rundfunkanstalten. 2017 bis 2022 war er Mitarbeiter von Stretta Music.


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